Harald

Abends vor dem Einschlafen ein letzter Blick auf die WetterApp, morgens noch vor den Nachrichten im Deutschlandfunk ein erster Blick, wie hat sich Prognose zur Realität verhalten, wo gibt es eine größere Regenlücke, die ich nutzen kann, wo verläuft die geplante Route, wann ist wo das Gewitter. Mit der Zeit entwickelt sich eine persönliche Beziehung zur WetterApp, man spricht mit ihr („ist das dein Ernst?“), und um diese Beziehung auf das nächste Level zu heben, gab ihr ihr einen Namen. Solide soll er klingen, nicht so neudeutscher Quatsch wie die modernen Apps so alle heißen, verlässlich, mir wohlgesonnen. Und so kam ich auf:

Harald.

Außerdem kenne ich keinen Harald, und so kann sich auch keiner „diskriminiert“ fühlen, wenn er mit einer WetterApp verglichen wird.

Also, Harald sagte mir am Morgen, dass zurück zur Originalroute in die Berge von Kroatien keine gute Idee sei, stattdessen schnell an Rijeka vorbei ein bisschen die Küste lang, bevor die nächste Regenfront von Westen droht. Die Küstenstraße, die „Magistrale“, soll ja eine besonders schöne Straße sein (wir waren vor ein paar Jahren dort in der Gegend zum Schottern). Aber nicht in der Saison. Nicht an einem Samstag. Bettenwechsel. Der Strom der Urlaubheimkehrer in der Gegenrichtung war stetig und lückenlos, auf dem Weg nach Süden schienen die gemütlichen Rentner zu sein, die mit 40 km/h ihr Wohnmobil an der Küste entlang schaukelten. Tornado durfte da und dort ein paar Sprints hinlegen, und als Harald meinte, Richtung Norden seien die Regengebiete bald ausgeregnet, bin ich zu einem der wenigen touristischen Highlights aufgebrochen, die ich mir notiert hatte:

Der alte Flugzeughangar in den Bergen („Zeljava Air Base“):

Men in black

Das ist ein riesiger unterirdischer Militärkomplex am Fuße des Berges „Pljesicia“ (nicht zu verwechseln mit „Pleskavica“, das mit Schafskäse gefüllte Hacksteak), erbaut nach dem 2. Weltkrieg. Es war das größte und teuerste militärische Projekt im ehemaligen Jugoslawien, sollte atombombenfest sein und beherbergte bis zu 80 MIG-21 Kampfjets, die über mehrere Startbahnen abheben und landen konnten (Kalter Krieg und so). Als Jugoslawien zerfiel, versuchte die Armee den Bunker mit über 50 Tonnen Sprengstoff zu vernichten, aber wenn das Ding schon Atombomben aushalten sollte, dann lächelte der Bunker über eine Handvoll Sprengstoff.

Ein beliebter „Lost Place“, war auch einiges los dort. Man kann in den Bunker hineinfahren, geht einige Kilometer weit hinein, aber da ist es so dunkel („zu dunkel“), dass ich schnell kehrt gemacht habe.

Direkt neben dem Hangar gibt es noch Versorgungseingänge, die kaum beachtet werden und recht zugewachsen sind:

Drin ist es auch sehr dunkel…:

In der Nähe ein beliebter Fotostop an einem alten Flugzeug (Parkplatz, Pommesbude, alles da):

Die Anlage ist direkt an der Grenze zu Bosnien-Herzegowina (das gab es ja damals, als sie gebaut wurde, nicht), und dort konnte ich mal die EU-Außengrenze bewundern.

Ich bin außerhalb der EU (illegaler Grenzübertritt), Tornado wartet innerhalb der EU:

Ich bin die Startbahnen mal entlang gejagt, und an anderer Stelle findet sich ein weiteres Beispiel für die unüberwindliche EU-Außengrenze:

Wir in der EU, hinter dem „Schlagbaum“ Nicht-EU.

Das mal für die, die immer eine „Sicherung der EU-Außengrenze“ fordern. Bosnien-Herzegowina hat ca. 1000 Kilometer Grenze zur EU…

Dann wollte ich Harald fragen, wo denn nun die nächste Regenfront liegt, in der früh meinte er noch, ich sollte im Hangar das Gewitter abwarten. Aber da war kein Gewitter und kein Regen. Und kein Empfang. Also schwieg Harald. Und was macht man dann? Genau: Kopf in den Nacken, den Zug der Wolken beobachten, und einfach los und die Sonne suchen.

Sowas ist dann ja eindeutig: Der Weg führt nach rechts, ins Licht.

An einer Stelle wollte ich eine Abkürzung Richtung Sonne machen, anfangs war es einfach nur ein grob geschotterter Weg, aber am ersten Gefälle merkte ich, wie schnell so ein Schotterweg bei Regen auswäscht, und als ich an der nächsten Steigung die feuchten freigewaschenen Felsplatten sah, bin ich dann doch umgekehrt (Wenden in 12 Zügen).

Unterwegs auf den einsamen Landstraßen (genussvolles Motorradfahren) habe ich eine knappe Stunde nach einem Café Ausschau gehalten, und irgendwo im Nirgendwo stand eine neue Holzhütte mit einem „Illy“-Schild. Zu, geschlossen, aber ich bin ein wenig verzweifelt drumrum getigert, bis ein Mann aus einer der zeltartigen Holzhütten erschien und sich als Schweizer und Besitzer der kleinen Camping/Hotel-Anlage erwies. Das Café müsse zwar geschlossen sein, irgendeine Genehmigung fehle, aber für mich öffnete er und zog mir zwei sehr gute Espresso aus seiner Maschine.

Ein „Aussteiger“, wie er sich selbst nannte (Kroate vom Pass her, aber aufgewachsen und Geld verdient in der Schweiz), vor vier Jahren hat er sich dieses „Ressort“ aufgebaut und genießt die Ruhe- und das stressfreie Leben.

Die Originalroute verlief an der Küste entlang, aber da war es mir zu voll, und später im Süden lief sie weiter östlich, im Dunkeln, und so bin ich weiter westlich dem Licht gefolgt:

Plan und Wirklichkeit:

Irgendwann hat sich auch geklärt, warum Harald so schweigsam war: Ein Boot vom Handy hat dann die Netzwerkverbindungen neu gestartet, ich hatte wieder Empfang. Was ich sah, wusste ich bereits aus eigener Erfahrung:

Das Regengebiet war irgendwie über mich hinweggezogen, ohne dass ich nass wurde, und an der Küste schien die Sonne. So bin ich dann kurz vor Split am Meer gelandet:

So hatte ich mir die Küste tatsächlich vorgestellt.

Und selbst Tornado hat auf dem Hotelparkplatz das Meer im Rücken:

Zum Abschluss die Tagesstatistik:

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Avatar von Joe Joe sagt:

    Harald ist mein zweiter Vorname ☹️

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    1. Avatar von elchot2011 elchot2011 sagt:

      Auch das noch. Habe ich doch einen Harald „gedemütigt“. Nimm es nicht persönlich…😇

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      1. Avatar von Joe Joe sagt:

        Doesn‘t matter😀

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  2. Avatar von andreashwalter andreashwalter sagt:

    Habe ich’s nicht vorhergesehen? Sonne satt. Im Übrigen, geile Reportage 😊

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    1. Avatar von elchot2011 elchot2011 sagt:

      Sollte ich die WetterApp doch in „Andreas“ umbenennen….?

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  3. Normalerweise würde ich sagen “ Geh NICHT ins Licht, aber hier war das wohl eine Weise Entscheidung. Und ja, Harald ist nicht diskriminierend. Aber falls du auf deiner einsamen Reise weiterhin den Dingen Namen gibst und anfängst, mit den Wänden redest, sei folgendes angemerkt Das ist eigentlich nicht schlimm. Aufpassen muss du aber, wenn sie dir antworten!.

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